Menschen bei DO: Claudio Müller

Ich freue mich darauf Senpai zu sein.

In der Portraitserie "Menschen bei DO" erzählen wir die Geschichten, die Menschen zu DO geführt haben. Text von Michelle Grob.

Ich habe meine Frau Sarah durch gemeinsame Bekannte in einem Lokal kennengelernt, in das wir beide immer gegangen sind. Sie hat intensiv für ihre Prüfung auf den 1. Kyu trainiert und auch Werbung für einen neuen Anfängerkurs gemacht. Es gab da einen, der sich auch für Sarah interessierte. Mit ihm habe ich gewettet, dass ich vor ihm den Braungurt holen werde – ich bin dann im Februar 2008 zu Sarah in diesen Anfängerkurs gegangen, er nicht. Jetzt habe ich die Frau und hoffentlich auch bald den braunen Gurt. Vielleicht sollte ich ihn an die Prüfung einladen?

Das Interesse für das Karate war aber schon vorher vorhanden, Sarah war da einfach die Initialzündung. Mir gefällt die dem Karate innewohnende Disziplin, dass man immer wieder an seine Grenzen stösst. Und bei DO einen Ort zu haben, an dem man sich wohlfühlt. Die Freude an der Bewegung, am Sport, hatte ich schon immer, aber früher waren das Mannschaftssportarten. Im Karatetraining mache ich etwas für mich, aber mit den anderen zusammen. Wenn ich einen schlechten Tag habe, dann hat das keine Auswirkung auf andere.

Schon als Rotgurt hatte ich Freude am Vollkontakt. Mir hat der Respekt gefallen, den man vor dem Gegner hat, obwohl man ihm Saures gibt. Nach zwei Minuten Kampfzeit sind die Schläge und Tritte aber wieder vergessen und die Achtung voreinander bleibt bestehen. Ich mag mich an das erste Mal erinnern als Malibu auf das Polster eingeschlagen hatte, das ich für ihn gehalten habe. Die Schläge gingen durch das Polster hindurch als wäre es gar nicht vorhanden und ich wurde immer bleicher. Aufgeben war aber nie eine Option. Mein grösster Gegner in einem Kampf bin ich selbst. Ich denke an nichts: es geht nur ums Atmen und Schläge platzieren, es hat schon fast etwas Meditatives. Das war nicht immer so. Das mit dem korrekten Atmen musste ich mühsam lernen. Auch jetzt, wo ich mich mit den Katas beschäftige, merke ich wie wichtig es ist, sich auch auf den Atem und was dieser mit einem Kata macht, zu konzentrieren.

Die Beschäftigung mit dem Vollkontakt hilft mir, mich selbst zu erkennen. Ich bin eigentlich ein sehr harmoniebedürftiger Mensch, aber im Vollkontakt geht es um die Konfrontation, den Sieg, ums k.o. Und wenn man das erreicht, zum Beispiel an einem Turnier, dann ist das ein tolles Gefühl. Dieses Gefühl mit dem Mitleid für den Gegner, dem Respekt vor dem Gegner und der Harmoniebedürftigkeit im Alltag überein zu bringen, das bringt mich weiter. Vollkontakt zu kämpfen habe ich von Malibu gelernt, auch mit seiner Betreuung an den Turnieren und dem intensiven Austausch im Training ist er ein wichtiger Mentor für mich. Als ich ihn das erste Mal mit einem low-kick k.o. gehauen habe da ist er vom Podest, auf das ich ihn gestellt hatte, natürlich schon ein wenig heruntergekommen. Aber das habe ich auch von ihm gelernt: man darf verlieren, das macht gar nichts. Wichtig ist, dass man wieder aufsteht.

Ich habe an drei Turnieren mitgemacht. Novizenturniere sind eine Plattform für Leute, die ins Turnierleben einsteigen wollen. Beim zweiten Turnier war Sarah schwanger und das hatte einen grossen Einfluss auf meine Leistung. Ich konnte diese neue Unsicherheit, den Gedanken: „was ist, wenn mir etwas passiert?“ nicht mehr so einfach ausblenden und habe dann auch dementsprechend Prügel eingesteckt. Auch im Training bin ich so oft mit zerschlagenen Rippen nach Hause gegangen und habe mich gefragt, weshalb ich mir das antue. Und doch fehlt es mir, wenn ich länger nicht kämpfe. Momentan trainiere ich relativ oft, da ich mich für meine Braungurtprüfung im Sommer vorbereite. Ich gehe sicher zwei Mal die Woche ins reguläre Karatetraining, absolviere zwei Krafttrainings sowie ein Ausdauertraining die Woche und organisiere einmal pro Monat den Fight Club. Meine gesamte Freizeit, die ich für mich habe, geht ins Karate. Wenn ich Zeit für mich will, dann gehe ich trainieren.

Ich bin nun schon etwa vier oder fünf Jahre Grüngurt und habe mich lange nur auf das Kumite konzentriert. Mich hat auch fast nur das interessiert. Irgendwann habe ich mir natürlich überlegt ob nicht eventuell Kickboxen etwas für mich wäre, beziehungsweise ob wirklich Karate das ist, was ich will. Ich habe mich dann aber bewusst für DO entschieden, da diese Schule mit all den Leuten für mich wie eine zweite Familie geworden ist. Ich bin geblieben und habe einen neuen Weg gefunden mit dem umzugehen, was mir vorher gefehlt hatte und dann ist das Ganzheitliche wie von alleine wieder mehr in den Vordergrund getreten. Mittlerweile habe ich grosse Freude an den Katas zu arbeiten, mich darin zu vertiefen.

Ich freue mich auch sehr darauf, Senpai zu sein. Ich hätte mich selbst nie als möglicher Senpai gemeldet, ich wäre schon damit zufrieden gewesen, wenn ich den Fight Club oder das Vollkontakttraining, insbesondere jetzt nach Malibus Weiterziehen, hätte leiten können. Als Marcel mit der Anfrage auf mich zugekommen ist, ob ich mir vorstellen könnte Senpai zu werden, musste ich nicht lange überlegen. Es ist mir eine grosse Ehre, die Deshi-Ausbildung zu machen. Ich finde das sehr schön, Leute weiterzubringen. Es bereitet mir eine grosse Freude an den Fortschritten der anderen teilzuhaben und ich lerne ja auch immer dabei, wenn ich zum Beispiel für den Fight Club etwas vorbereite. Wir lernen zusammen und versuchen gemeinsam besser zu werden.

Karate ist meine Leidenschaft. Ich bin sehr glücklich, dass ich die Möglichkeit erhalten habe, meinen Karateweg auch als Senpai zu gehen und weiter zu lernen.

 


Serie "Menschen bei DO":