Menschen bei DO: Lukas Isler

Vielleicht werde ich mal Vollzeit-Karate-Student.

In der Portraitserie "Menschen bei DO" erzählen wir die Geschichten, die Menschen zu DO geführt haben. Text von Michelle Grob.

Im letzten Herbst begann ich mit den ersten Vorbereitungen für die Schwarzgurtprüfung. Ich las das Buch und fasste es zusammen, leitete den Fremddojobesuch ein und entschied ausserdem, meine Maturaarbeit über den Versuch und Prozess einer Schwarzgurtprüfung zu schreiben. Es stellte sich die entscheidende Frage: wie bestehe ich diese Prüfung? Also habe ich Prüfungsanforderungen analysiert, Trainingspläne geschrieben und ein Trainingstagebuch geführt. Ich habe alles dokumentiert, nochmals analysiert und vor allem trainiert. Gegen Schluss der Vorbereitung bin ich zum ersten Mal in meiner Karate-Zeit an meine Grenze gelangt. Das gewohnte Training wurde mir nie zu viel. Aber der zusätzliche Aufwand zehrte doch an meinen Kräften und ich bin froh, dass nun bald alles vorbei ist. In den freien Tagen zwischen den einzelnen Prüfungsteilen ist diese Frage aufgeblitzt: und was, wenn es nicht reicht, wenn du nicht bestehst? Das war mir dann aber ziemlich egal. Ich war einfach nur froh, dass diese Prüfung stattfindet und danach vorüber ist.

Einige Wochen vor der Prüfung habe ich gemerkt, dass mich mein Kopf bremst, dass ich nicht das zeigen kann, was ich gerne zeigen wollte. Ich versuchte das umzustellen, mir gut zuzureden, die Dinge positiv zu formulieren, was in den letzten beiden Wochen vor der Prüfung auch geklappt hat. Am Prüfungstag holte mich dieses Problem aber wieder ein. Ich kannte das so von mir auch gar nicht, ich habe zuvor nie an mir gezweifelt, sondern war mir sicher, dass ich das Geforderte beherrsche. Das Handkihon lief mir gut, auch der Kraftteil, jedoch hätte ich von den Kicks mehr zeigen wollen. Ich versuchte mir währenddessen auch gut zuzureden, positiv zu sein, aber dieses Kratzen an meiner persönlichen Belastungsgrenze konnte ich nicht gelassen hinnehmen, sondern trudelte in der Negativspirale immer weiter nach unten.

In den beiden anderen Prüfungsteilen verlief die Prüfung aber so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Auf das Tameshiwari bereitete ich mich nicht speziell vor. Damit habe ich eine so grosse Erfahrung, die das nötige Vertrauen in mich ermöglichte. Katas liegen mir gut und das Kumite erinnerte mich beinahe an eine Trainingssituation. Nur schon, dass ich nicht alleine im Raum stand, gab mir eine grosse Sicherheit und ich konnte einen Kampf nach dem anderen hinnehmen, taktisch kämpfen und wieder abhaken. Als ich ein kleiner Junge war hat Malibu einmal erklärt, was ein Uchi-Deshi macht, nämlich Karate studieren. Ich stellte mir das wirklich so vor, dass man anstelle von Biologie oder Wirtschaft Karate studiert und wusste, das will ich unbedingt einmal machen. Das erste Semester scheine ich nun hinter mir zu haben.

Ich habe mit sieben Jahren begonnen, Karate zu machen. Im Rahmen einer Spezialwoche der Primarschule Ennetbaden wurden verschiedene Sportarten vorgestellt und am Ende dieser Woche wusste ich, dass ich mit Karate beginnen wollte. Ich hatte immer Spass am Karate und habe auch in der Pubertät keine Krisen erlebt. Es war klar, dass ich zwei Mal die Woche ins Training gehe, das stellte ich nie in Frage. Es war so selbstverständlich wie in die Schule zu gehen; in eine Schule, die Spass macht!

Mit 13 Jahren habe ich zum ersten Mal als Mini-Senpai/Juniorsenpai gearbeitet. Einmal die Woche leitete ich für eine Klasse das Aufwärmen und unterrichtete bisweilen einzelne Schritte eines Katas oder sagte diese an. In der Vorbereitung darauf habe ich extra mit meinem Bruder geübt und mich jedes Mal schriftlich darauf vorbereitet; ich war sehr nervös. Für diesen ersten Job habe ich ein Jugendkonto bei der Bank eröffnet und mag mich an meinen ersten Bankauszug bestens erinnern: 8 CHF. Das war sehr viel Geld für mich, da mein Taschengeld damals aus 2 CHF die Woche bestand. Wenn ich in einem Monat vier Mal arbeitete, dann hatte ich sogar 32 CHF auf meinem Konto!

Im Januar 2014 startete die Deshi-Ausbildung, das waren dann drei oder vier Stunden Unterricht pro Abend. Im Sommer 2014, als ich 16 Jahre alt geworden bin und von den Jugendlichen in die Erwachsenenklassen wechselte, habe ich auch begonnen, Erwachsene zu unterrichten. Die Jahre als Juniorsenpai bereiteten mich bestens darauf vor, ein Senpai zu sein, die Jahre als Senpai wiederum haben und hatten einen grossen Einfluss auf meinen persönlichen Karate-Weg. Das Beobachten von Schülern hilft sehr, eigenes zu reflektieren. Mittlerweile weiss ich natürlich alle Techniknamen und bin mir auch der Details bewusst, aber das Spannendste sind die Fragen von Schülern. Diese denken über gewisse Dinge nach, über die ich mir vorher nie Gedanken gemacht habe. So kommt man auf viele neue Gedanken und Ideen.

Mit etwa zehn Jahren überlegte ich in einer Schlägerei mit meinem älteren Bruder das erste Mal, wie genau ich einen Schlag ausführen soll, um damit die grösste Wirkung zu erzielen, welchen Kick ich benutzen könnte. Als ich ihn dann mit einem Mae-Geri trat, handelte ich mir grossen Ärger mit meinem Vater ein. Er wurde sehr wütend und sagte mir, dass ich aufhören müsse mit dem Karate, wenn ich das weiterhin anwende. Es wäre sehr schlimm gewesen, hätte ich denn aufhören müssen. Das war ein grosser Konflikt für mich, weil ich nicht wusste, wie ich mich denn überhaupt verteidigen darf. Muss ich alles hinnehmen, nur weil ich Karate kann? Ich empfand das als eine grosse Ungerechtigkeit und merkte gleichzeitig, was ich schon alles gelernt hatte und dass das natürlich auch unfair meinem Bruder gegenüber ist, der kein Karate kann. Dieser Konflikt resultierte schliesslich in einer guten präventiven Waffe: wenn du nicht loslässt, dann wende ich Karate an! Das hat sich durch all diese Jahre hindurch gehalten; Selbstverteidigung, Hebel, Würfe, das sind die Themen, die mich am Karate am meisten interessieren.

Ich beginne nun auch mit einem Kyosho-Kurs und freue mich sehr darauf, diese Anwendungen zu lernen. Jedoch möchte ich auch meine Kicks verbessern, Vollkontakt kämpfen und ich freue mich riesig darauf die Katas auf den zweiten Dan zu lernen.

Und vielleicht werde ich irgendwann einmal wirklich ein Vollzeit-Karatestudent.

 


Serie "Menschen bei DO":